In diesem "ABC der Paartherapie" beschreibe ich meine Sicht auf wichtige Konzepte und Phänomene, die in der Paartherapie eine Rolle spielen. 

Meine Sicht ist geprägt durch die einschlägige Fachliteratur auf diesem Gebiet (siehe Literaturempfehlungen), durch aktuelle Forschungsergebnisse, durch meine Ausbildung, sowie durch meine eigenen Erfahrungen und die meiner Klienten.

Für Anregungen und Fragen bin ich offen. 

Affären

Wenn eine Affäre aufgedeckt wird stehen meist beide Partner unter großem Schock. In diesem Zustand empfiehlt es sich nicht schnelle Entscheidungen zu treffen (z.B. sich sofort zu trennen, ein Ultimatum zu stellen oder sofort zu vergeben).

Besser ist es, zunächst gemeinsam den dahinter liegenden Emotionen und Konflikten auf den Grund zu gehen und herauszufinden, ob man sie lösen kann. 

Wenn dies gelingt, kann eine Beziehung durch diese Krise sogar gestärkt hervorgehen. 

 

Affären entstehen wenn 3 Dinge vorhanden sind: 

- ein Problem, z.B. wenn wichtige Bedürfnisse in der Beziehung nicht befriedigt sind

mangelnde Kommunikation, sodass das Problem nicht gelöst werden kann

- äußerer Reiz, oft beginnen Affären zuerst mit emotionaler Nähe zu einer anderen Person - da ist jemand der zuhört und einen versteht

 

Bindungstheorie

Die Bindungstheorie ist eine der einflussreichsten psychologischen Theorien der letzten Jahrzehnte. Beispielsweise hat sie entscheidend dazu beigetragen, dass heute Eltern ihre Kinder bei Krankenhausaufenthalten begleiten dürfen. 
Eine der Hauptaussagen ist, dass wir uns dann sicher und frei in der Welt bewegen können, wenn wir eine "stabile Basis" haben - einen oder mehrere Menschen, die für uns ein Anker sind - ein sicherer Hafen zu dem wir zurückkehren können, wenn wir uns bedroht fühlen - Menschen von denen wir wissen, dass sie für uns da sind und dass wir ihnen wichtig sind - die sich für unsere innere Welt interessieren - egal was kommt - die uns zuverlässig Geborgenheit und emotionale Unterstützung geben. 
Kinder, die sich sicher mit ihren primären Bezugspersonen fühlen, wagen sich weiter hinaus und haben Mut Neues auszuprobieren, ohne dabei jedoch den Kontakt zur Bindungsperson zu verlieren (beispielsweise gehen sie spielen, vergewissern sich aber zwischendurch durch Blicke, zeigen ihr Spielzeug usw.).
Je älter man wird, desto mehr werden Bindungspersonen "internalisiert", das heisst, es entwickelt sich ein Gefühl von Urvertrauen, oder - wenn haltgebende soziale Interaktionen gefehlt haben - Misstrauen und Unsicherheit. 
Typisches Verhalten bei Unsicherheit sind Klammern oder Auf-Distanz-Halten. 
Hier finden Sie eine ganz gute Videozusammenfassung zu dem Thema und auch zu den verschiedenen Bindungsstilen (Englisch): 

Weitere Ressourcen zur Bindungstheorie


Bindung bei Erwachsenen


Bindungssicherheit

Das Gefühl von Bindungssicherheit ist die Basis einer nährenden, erfüllenden Beziehung. Damit ist nicht bloß gemeint: du wirst mich nicht verlassen (äußerlich) sondern viel mehr: ich kann vor dir ganz ich selber sein und mich seelisch nackt machen - und ich weiss, dass du mich auffangen wirst - zu mir stehen wirst - mich behutsam und liebevoll annehmen und nicht zurückstoßen wirst. 

Ist diese Art von Sicherheit in einer Beziehung gegeben, dann können wir uns tief öffnen und auch mit unseren Schwächen gesehen und angenommen werden - erst dann fühlen wir uns wirklich geliebt. 

Bindungsverletzungen

Eifersucht

Die natürliche Funktion von Eifersucht besteht darin, die Beziehung zu schützen, indem sie das Eindringen dritter Personen in die Beziehung verhindert. Eifersucht kann Sie daran erinnern, wie wichtig Ihnen Ihr Partner ist und dass Sie seine Verfügbarkeit nicht für selbstverständlich nehmen sollten. Sie hat also durchaus ihren Nutzen für Beziehungen. 

Allerdings kann die Eifersucht auch vielfältige negative Folgen haben, wenn sie zu groß wird und sich mit intensiven Verlustängsten oder Wutgefühlen mischt. Die Ursache hierfür liegt meist in früheren Lebenserfahrungen, z.B. betrogen worden zu sein, oder in Unsicherheiten bzgl. der Hingabe, des Interesses und des Engagements des aktuellen Partners. 

Wenn Ihr Partner zu starker Eifersucht neigt, fühlen Sie sich möglicherweise angegriffen, zu Unrecht beschuldigt und sind frustriert, diese Situation immer wieder zur erleben. 

Umgang mit Eifersucht

Wenn Sie einen Partner haben, der zu starker Eifersucht neigt:

  • Erkennen Sie an, dass Ihr Partner diese schwierigen Gefühle empfindet. Hören Sie ihm zu, fühlen Sie sich ein und fragen Sie, wie Sie ihm seine Befürchtungen nehmen können (Prävention hat Vorrang) 
  • Probieren Sie die "positive Botschaft" in der Eifersucht zu sehen: wäre Ihrem Partner seine Beziehung zu Ihnen nicht wichtig, dann wäre es ihm vermutlich gleichgültig, mit wem Sie Ihre Zeit verbringen
  • Falls Sie Ihrem Partner in der Vergangenheit Grund zur Eifersucht gegeben haben (z.B. durch eine emotionale oder körperliche Affäre), helfen Sie ihm aktiv, sich davon zu erholen (z.B. durch Transparenz über Ihre Zeitplanung, Emails usw.)

Wenn Sie selber starke Eifersucht erleben: 

  • Nehmen Sie Ihre Gefühle an und lauschen Sie hinein: Wodurch wurde das Eifersuchtsgefühl geweckt? Was empfinden Sie außer der Eifersucht (z.B. Unzulänglichkeit, Unsicherheit, Trauer, Wut,...)? Welche Gedanken kommen Ihnen? Spüren Sie dadurch, wie wichtig Ihnen ihr Partner ist?
  • Schalten Sie einen Gang zurück, um Ihre Annahmen zu überprüfen. Bitten Sie Ihren Partner, mit Ihnen über die Situation zu sprechen. Konzentrieren Sie sich auf Ihr eigenes Erleben, statt Schuldvorwürfe zu machen. Lassen Sie sich Zeit und geben Sie Ihrem Partner eine Chance hilfreich zu reagieren. 

Wenn man von intensiven Gefühlen überschwemmt wird ist es nicht einfach auf die beschriebenen Arten hilfreich zu reagieren. Dann kann es notwendig sein, eine Moderation von außen zu finden (z.B. durch Freunde oder einen Paartherapeuten). 

Liebe

Über die Liebe haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen. Es gibt Tausende Definitionen und die Worte "ich liebe dich" sind häufig nicht eindeutig. Immer wieder höre ich Menschen die deshalb dazu über gegangen sind, diese Worte ganz zu vermeiden. 

Als Paartherapeutin komme ich um das Thema Liebe nicht herum. Wie kompliziert, vielschichtig und verwirrend die Liebe auf den ersten Blick sein mag  - Barbara L. Fredrickson, eine der führenden Forscherinnen der Positiven Psychologie - hat es meiner Meinung nach geschafft eine gute und wissenschaftlich fundierte Beschreibung der Liebe zu finden. 

 

Hier ein kleines Schaubild dazu:

Liebe entsteht aus Momenten der Verbundenheit und Nähe zwischen Menschen. Etwas, was man im Hier und Jetzt erlebt und im Körper spürt. Es kann ein Blick sein, der sagt: "ich bin bei dir -  ich spüre mit dir - wir gehören zusammen". Gemeinsam lachen, gemeinsam weinen, gemeinsam erleben. Sich vom anderen "gefühlt fühlen". Der Körper beruhigt sich und Glückshormone werden ausgeschüttet. Diese Momente kommen und gehen, und es ist normal, dass man seine Liebe nicht durchgehend fühlt. 

Gleichzeitig fördern die Momente der Verbundenheit das Auftreten anderer "key player" der Liebe, die in unserer Kultur verankert sind: tiefe Zuneigung, körperliche Anziehung und sexuelle Leidenschaft, die feste Entscheidung für den anderen mit dem Versprechen der Treue, bedingungsloses Vertrauen. 

Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit weitere Momente der Verbundenheit mit dem Partner zu erleben, da wir sie eher mit jemandem erleben, der in unserer Nähe ist, dem wir vertrauen und den wir anziehend finden. 

Durch diese doppelte Wirkrichtung können wir in eine Aufwärtsspirale kommen und immer mehr Vertrauen, Sicherheit und Leidenschaft in unserer Beziehung aufbauen. 

Es gibt eine weitere positive Aufwärtsspirale die durch das beschrieben "Liebessystem" entsteht: Liebe macht uns glücklich und hat eine Reihe positiver Effekte auf unsere Gesundheit und unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Dazu mehr unter Gesundheit.

In EFT (Emotionsfokussierte Paartherapie) nutzen wir die beschriebenen Effekte. Was in der EFT-Paartherapie in der Essenz passiert, ist, dass das Erleben gemeinsamer Momente der Verbundenheit gefördert wird. Dies passiert in den Sitzungen durch den Therapeuten. Häufig berichten Paare, dass dadurch die Anziehung zum Partner wieder gestiegen ist, mehr Leidenschaft da ist, mehr Treue und Zusammenhalt entstanden sind. 

Weinen

Dass in der Paartherapie auch mal die Tränen fließen ist ganz normal und kommt häufig vor. Schließlich geht es um Themen, die die Macht haben, unser Herz sehr tief zu berühren. Tränen sind die Art, wie unser Körper uns zeigt, was wichtig für uns ist. 

Gleichzeitig kann das Weinen sehr ambivalente Gefühle auslösen, z.B.:

  • Ängste, schwach auszusehen oder zu emotional zu sein
  • Schuldgefühle, der andere könnte sich wegen einem schlecht fühlen

Aber auch:

  • Erleichterung, angestaute Gedanken aussprechen zu können
  • Freude darüber, sich authentisch ausdrücken zu können und mit dem gesehen zu werden was wir wirklich fühlen
  • usw. 

Weinen heisst, unser Herz nackt zu zeigen, ungeschützt und der Welt völlig ausgesetzt. Wir machen uns verletzlich und zeigen unsere Seele auf eine sehr ehrliche Weise. Daher weinen wir meist im Stillen - Weinen vor anderen ist ein großer Vertrauensbeweis und benötigt, dass wir uns wirklich sicher fühlen. 

Häufig lassen wir unsere Tränen dann zu, wenn wir Mitgefühl von anderen erleben - und das kann sich sehr heilsam anfühlen. 

Tränen in der Paartherapie sind wertvoll, denn:

  • sie sind wie ein Kompass, der zeigt, was dem Partner wirklich wichtig ist
  • sie machen das Herz "weich" und aufnahmebereit und schaffen damit Intimität und Mitmenschlichkeit
  • belastende Gefühle können losgelassen werden und es entsteht wieder Platz für positive Gefühle - z.B. kommen manchmal verschütt gegangene Liebesgefühle wieder, wenn über vergangene Verletzungen geweint wurde

 

Fortsetzung folgt...

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Erstellt von Erika Kliever, Paartherapie Berlin, 2014.